
Verena Baumann, Esther Ernst, Kaspar Flück, Barbara Wiggli
Das gegenwärtige Schaffen von Barbara Wiggli umkreist Begriffe wie jene der Fülle und der Fügung. Die neunteilige Zeichnung „Zweiter Versuch einer Annäherung an die Fülle“ ist eine der möglichen Resultate ihrer ausgedehnten Forschungstätigkeit, die unter anderem darin bestand, zahlreiche Abbildungen von Darstellungen von Fruchtschalen zu sammeln und schliesslich aus deren Teilen die ideale Fruchtschale zu collagieren, um diese dann zeichnend ins Monumentale zu übertragen – die Umkehrung der Regel. Der Farbe beraubt, um Üppigkeit zu markieren, muss allein das Verhältnis von tragenden und lastenden Elementen und das Ausbalancieren ihrer Anordnung genügen, um eine Art „satter Fülle“ – im Unterschied zu einer ausufernden Fülle – ins Bild zu setzten. Im Grund genommen handelt es sich hier, gleich wie bei dem Fotoobjekt „Erster Versuch“ mit dem Stapel eng sich ineinander schmiegender Kissen, oder bei der Serie von Tintenstrahldrucken von Papierarbeiten auf Hahnenmühle Papier, um eine bildhafte Untersuchung zum Thema Glück: wie Glück stabilisiert werden kann und wo gefahren des Kippens auftreten könnten. Das Thema der Fügung läuft gleichsam parallel dazu. Anschaulich vorgeführt wird dies in Barbara Wigglis mehrteiliger Arbeit „Having a cup of tea with my friends“, 2010. In Brockenstuben gefundene Geschirrteile werden zersägt und mit anderen solchen zusammengefügt. Die Fragestellung lautet, was gerade noch geht oder an welchem Punkt Schönes hässlich oder Hässliches schön wird, oder bildhaft gesprochen: Welche Kombinationen sind Glück versprechend, und welche sind es nicht. Fügung ebenso wie Aufbruch – ohne Auf-bruch keine Fügung – ist ebenso Thema bei dem Objekt aus zersägten Modellhäusern „Ab und Auf-bruch“.
In Barbara Wigglis Familie ist Kreativität mehr die Norm als Ausnahme. Dies mag dazu beitragen, dass es für sie keine Unité de doctrine gibt, wie eine Problemstellung „richtig“ darzustellen ist. Im Zentrum ihres Wirkens steht das Kunstschaffen als Mittel zur individuellen und – im besten Fall – der gesellschaftlichen Entwicklung; dazu nicht zuletzt die pure Lust am Machen. Sie erkundet die Welt, auch ihre philosophischen und persönlichen Fragestellungen, mit den Mitteln der Kunst. Sie übersetzt Denkprozesse in Bilder, schafft mit einfach scheinenden Mitteln Analogien zur komplexen Wirklichkeit. Nicht zuletzt wegen der Materialvielfalt – ausgelöst durch ihre unbedingte Lust an neuen Herausforderungen wie an adäquaten Lösungen – und ihrem Insistieren auf die Sichtbarmachung des Prozesshaften, haben manche ihrer Arbeiten zuweilen etwas Sperriges, Ungezähmtes. Dem genuin anarchischen Zug ihres Wesens zum Trotz – oder vielleicht zum Ausgleich gerade deshalb – setzt sie sich zu Beginn ihrer Arbeit jeweils exakte Spielregeln, innerhalb derer sie sich zu bewegen hat.
Mit ihren Elementen aus der Welt der Gegenstände legt sie Fährten, denen mit Logik nicht beizukommen ist, da müssen schon alle Sinne mobilisiert werden. Charakteristisch für ihre Arbeiten ist eben, dass nichts ist, was es zu sein scheint. So wenig die monumentale Zeichnung einer Fruchtschale wirklich eine Fruchtschale ist, so wenig das oberflächlich perfekt bearbeitete Objekt – Hammerschlaglack auf Holz – ein industriell gefertigtes Design-Objekt, sondern die Weiterführung einer anfänglichen Idee eines Sockels. Alles scheint möglich bei Barbara Wiggli, doch nichts vermittelt wirkliche Sicherheit: exakt wie das Leben selbst
Verena Baumann, Esther Ernst, Kaspar Flück, Barbara Wiggli
Das gegenwärtige Schaffen von Barbara Wiggli umkreist Begriffe wie jene der Fülle und der Fügung. Die neunteilige Zeichnung „Zweiter Versuch einer Annäherung an die Fülle“ ist eine der möglichen Resultate ihrer ausgedehnten Forschungstätigkeit, die unter anderem darin bestand, zahlreiche Abbildungen von Darstellungen von Fruchtschalen zu sammeln und schliesslich aus deren Teilen die ideale Fruchtschale zu collagieren, um diese dann zeichnend ins Monumentale zu übertragen – die Umkehrung der Regel. Der Farbe beraubt, um Üppigkeit zu markieren, muss allein das Verhältnis von tragenden und lastenden Elementen und das Ausbalancieren ihrer Anordnung genügen, um eine Art „satter Fülle“ – im Unterschied zu einer ausufernden Fülle – ins Bild zu setzten. Im Grund genommen handelt es sich hier, gleich wie bei dem Fotoobjekt „Erster Versuch“ mit dem Stapel eng sich ineinander schmiegender Kissen, oder bei der Serie von Tintenstrahldrucken von Papierarbeiten auf Hahnenmühle Papier, um eine bildhafte Untersuchung zum Thema Glück: wie Glück stabilisiert werden kann und wo gefahren des Kippens auftreten könnten. Das Thema der Fügung läuft gleichsam parallel dazu. Anschaulich vorgeführt wird dies in Barbara Wigglis mehrteiliger Arbeit „Having a cup of tea with my friends“, 2010. In Brockenstuben gefundene Geschirrteile werden zersägt und mit anderen solchen zusammengefügt. Die Fragestellung lautet, was gerade noch geht oder an welchem Punkt Schönes hässlich oder Hässliches schön wird, oder bildhaft gesprochen: Welche Kombinationen sind Glück versprechend, und welche sind es nicht. Fügung ebenso wie Aufbruch – ohne Auf-bruch keine Fügung – ist ebenso Thema bei dem Objekt aus zersägten Modellhäusern „Ab und Auf-bruch“.
In Barbara Wigglis Familie ist Kreativität mehr die Norm als Ausnahme. Dies mag dazu beitragen, dass es für sie keine Unité de doctrine gibt, wie eine Problemstellung „richtig“ darzustellen ist. Im Zentrum ihres Wirkens steht das Kunstschaffen als Mittel zur individuellen und – im besten Fall – der gesellschaftlichen Entwicklung; dazu nicht zuletzt die pure Lust am Machen. Sie erkundet die Welt, auch ihre philosophischen und persönlichen Fragestellungen, mit den Mitteln der Kunst. Sie übersetzt Denkprozesse in Bilder, schafft mit einfach scheinenden Mitteln Analogien zur komplexen Wirklichkeit. Nicht zuletzt wegen der Materialvielfalt – ausgelöst durch ihre unbedingte Lust an neuen Herausforderungen wie an adäquaten Lösungen – und ihrem Insistieren auf die Sichtbarmachung des Prozesshaften, haben manche ihrer Arbeiten zuweilen etwas Sperriges, Ungezähmtes. Dem genuin anarchischen Zug ihres Wesens zum Trotz – oder vielleicht zum Ausgleich gerade deshalb – setzt sie sich zu Beginn ihrer Arbeit jeweils exakte Spielregeln, innerhalb derer sie sich zu bewegen hat.
Mit ihren Elementen aus der Welt der Gegenstände legt sie Fährten, denen mit Logik nicht beizukommen ist, da müssen schon alle Sinne mobilisiert werden. Charakteristisch für ihre Arbeiten ist eben, dass nichts ist, was es zu sein scheint. So wenig die monumentale Zeichnung einer Fruchtschale wirklich eine Fruchtschale ist, so wenig das oberflächlich perfekt bearbeitete Objekt – Hammerschlaglack auf Holz – ein industriell gefertigtes Design-Objekt, sondern die Weiterführung einer anfänglichen Idee eines Sockels. Alles scheint möglich bei Barbara Wiggli, doch nichts vermittelt wirkliche Sicherheit: exakt wie das Leben selbst